LIORA
Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen — strukturiert, benannt, sichtbar gemacht.
Deutschland hat für Rollstuhlrampen eine Norm. Für Blindenleitsysteme eine Norm. Für digitale Barrierefreiheit seit 2011 eine Verordnung mit Prüfpflicht und Vollzug. Für die Barrieren, die die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen im Alltag tatsächlich ausschließen, gibt es nichts davon. LIORA ist der Versuch, das zu ändern — nicht mit einer Beschwerde, sondern mit einer Architektur.
Wie LIORA entstand
Am 20. Oktober 2025 machte uns Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, auf eine grundlegende Schwierigkeit aufmerksam: Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen lassen sich kaum als Gruppe fassen. Sie sind zu heterogen, ihre Bedarfe zu unterschiedlich, ihre Barrieren zu unauffällig, um sie mit den bestehenden Kategorien sinnvoll zu strukturieren.
Diese Schwierigkeit haben wir als Auftrag verstanden. Im Ehrenamt haben wir daraufhin begonnen, sowohl die Gruppe als auch die Barrieren zu strukturieren — nicht nach Diagnosen, sondern nach ihrer Wirkung. Das Ergebnis dieser Ordnungsarbeit haben wir LIORA genannt.
- 20. Oktober 2025
Der Behindertenbeauftragte benennt die Schwierigkeit, Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen zu strukturieren.
- 2025 / 2026
Wir strukturieren Gruppe und Barrieren nach Wirkung — und entwickeln daraus die LIORA-Architektur.
- 20. Oktober 2026
Am dritten Tag der nicht sichtbaren Behinderungen wird die Sichtbarkeit dieser Gruppe gefeiert — #SayCor.
Was LIORA ist
LIORA schlägt keinen neuen Fördertatbestand und keine Sonderregelung für einzelne Diagnosegruppen vor. LIORA schlägt eine neue regulatorische Kategorie vor.
Die Kategorie heißt: Invisible Barrieren. Definiert nicht nach Diagnose, sondern nach Wirkung. Das Kriterium: Eine Bedingung löst bei einem Nervensystem, das unter anderen Voraussetzungen arbeitet, eine unverhältnismäßige Belastungsreaktion aus — und verhindert dadurch faktische Teilhabe.
Das ist eine Funktionskategorie. Analog zu dem, was die BITV 2.0 für digitale Barrierefreiheit geleistet hat: messbarer Standard, Prüfpflicht, Vollzug.
Für sensorische, kommunikative, chemische und zeitstrukturelle Barrieren existiert in Deutschland bisher kein vergleichbares Instrument. Das ist die Lücke, die LIORA beschreibt.
Der Vorteil: Eine Norm, die den Lärmpegel in Wartezimmern regelt, entlastet autistische Menschen, Fibromyalgie-Betroffene, Menschen mit Depression, Migräne oder chronischen Schmerzen gleichzeitig — ohne dass eine einzige Diagnose genannt werden muss.
Die Architektur: elf Dokumente, eine Logik
LIORA ist das verbindende Dokument eines Systems, das gemeinsam zusammen e.V. und die Initiative Stille Stunde im Ehrenamt entwickelt haben. Jedes Dokument beantwortet eine andere Frage. Alle Antworten greifen ineinander. Das LIORA-Paket besteht aus elf Dokumenten — dem Gesamtrahmen und zehn Fokusmodulen. Dazu kommen zwei Handlungsunterstützungen: BECS und MAREN.
Vier offene Governance-Fragen
Die Rechtsanker existieren. Die Zuständigkeiten existieren. Die Teilprobleme sind beschrieben. Was fehlt, ist die verbindliche Koordination ihrer Umsetzung. LIORA benennt das als interministerielles Koordinationsdefizit — eine bekannte, lösbare Problemform.
- Wer führt politisch? → Federführung BMAS mit Kabinettsmandat.
- Wer koordiniert fachlich? → Interministerielle AG mit fester Geschäftsstelle.
- Wer erhebt Daten? → Statistisches Bundesamt mit Erhebungsauftrag zu nicht sichtbaren Behinderungen.
- Wer kontrolliert Vollzug? → Unabhängige Monitoringstelle nach Art. 33 Abs. 2 UN-BRK, erweitert um Invisible Barrieren.
Was LIORA ist — und was nicht
LIORA ist ein Arbeitsdokument. Kein abgeschlossenes Recht, kein Diagnose- oder Screening-Instrument, sondern ein Vorschlag im Ehrenamt: wie der Staat das Koordinations-, Umsetzungs- und Lückenproblem lösen kann. KONVERA und die weiteren Modelle sind eigene Arbeitsmodelle des Vereins, ausdrücklich als solche gekennzeichnet — nicht als anerkannte medizinische Klassifikation.
„Damit diese Herausforderung bearbeitet werden kann, haben wir im Ehrenamt diese Architektur aufgebaut — nicht als Beschwerde, sondern als Vorschlag. Die Rechtsanker existieren. Die Zuständigkeiten existieren. Was fehlt, ist die verbindliche Koordination ihrer Umsetzung.“
Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen warten nicht auf Gefälligkeit. Sie warten auf Recht.
Weitertragen und teilen
LIORA und das Cor-Zeichen sind frei nutzbar. Wer die Sichtbarkeit von Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen unterstützen möchte, findet hier Material zum Ansehen, Kopieren und Weitergeben — für einen Beitrag, eine Story oder ein Gespräch.
- Unser Lied „Menschenlesen“ (YouTube)
Die Frage, die alles trägt: Kann man einem Menschen ansehen, was er trägt? - Instagram-Aufklärungsvorlagen — 6 Sets zum Kopieren (Canva)
- LIORA — die Gesamtübersicht mit allen elf Dokumenten (PDF)
- NaSPro-Positionspapier der AG Neurodivergenz & neurologische Vielfalt (PDF)
- Cor-Motiv zum Teilen (JPG)

