Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sichtbar machen.
Inklusion heißt - mobile, taktile und invisible Barrieren verstehen.Aktuell bis zum 20. Oktober
20. Oktober: Tag der nicht sichtbaren Behinderungen
LIORA.Live in Gelsenkirchen
Am 20. Oktober feiern wir den Tag mit Musik, Tanz, Mode, Poesie und Gesprächen in der Glückauf-Halle der Veltins-Arena. Einlass ist ab 16 Uhr, Beginn um 17 Uhr, und der Eintritt ist frei.
Fotos: Philip Rösler, Anna Spindelndreier, Jens Ufer

Was können Sie am 20. Oktober tun?
Jeder Laden, jede Praxis, jede Schule und jedes Amt kann an diesem Tag mitmachen, zum Beispiel mit einer Stillen Stunde, einem Foto mit dem Handzeichen oder ausgelegten Ausweisen. Was genau möglich ist, steht im Community-Konzept.

Was ist das Cor.System?
Das Herz-Hirn-Zeichen sagt, dass hier Barrieren bestehen, die man nicht sieht, und es funktioniert ohne Diagnose und ohne Nachweis. Im Erklärvideo „Ich bin Cora“ sehen Sie in wenigen Minuten, wie es benutzt wird.
Unsere Geschichte
Von einer Kampagne für den Supermarkt zu Expertinnen und Experten für invisible Barrieren
Die Initiative ist Schritt für Schritt gewachsen, und jeder Schritt hat eine neue Frage aufgeworfen. Auf dieser Seite erzählen wir, wie aus einer einfachen Idee die Arbeit an Barrieren wurde, die man nicht sieht, und was davon Sie heute schon nutzen können.
Wie alles begann: die Stille Stunde
Die Stille Stunde ist eine einfache Idee: Ein Supermarkt dimmt einmal in der Woche für eine Stunde das Licht und schaltet Musik und Durchsagen ab. Entstanden ist sie 2018 in Neuseeland, wo eine Mitarbeiterin der Supermarktkette Countdown, selbst Mutter eines autistischen Sohnes, sie gemeinsam mit ihrer Filialleiterin eingeführt hat. Als wir 2023 davon hörten, dachten wir: Das braucht doch jeder, und erstellten unsere wunderschöne Kampagne, die inzwischen in ganz Deutschland zu finden ist. Eine ruhige Stunde stört niemanden, der sie nicht braucht, aber für viele andere entscheidet sie darüber, ob sie überhaupt einkaufen gehen können.
Video ansehen: Stille Stunde, ein Spot der Bundesinitiative Barrierefreiheit, mit Deutscher GebärdenspracheDen Spot haben wir für die Bundesinitiative Barrierefreiheit des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gemacht. Das Video öffnet sich auf YouTube.
Die Stille Stunde in der Wirtschaft
Inzwischen bieten über 300 Orte in Deutschland eine Stille Stunde an, vom Supermarkt über das Museum bis zur Arztpraxis. Jeder dieser Orte zeigt, dass Rücksicht auf nicht sichtbare Barrieren im Alltag funktioniert und sich ohne großen Aufwand einrichten lässt.
Vortrag ansehen: Umsetzung der Stillen Stunde, Hintergründe und Infos zu reizarmen Momenten in der WirtschaftDaraus entstand die Initiative
Dann bekamen wir so viele Rückmeldungen und haben selbst so viele Fragen gestellt, dass wir eine Lücke im System erkannt haben. Im November 2023 schrieben wir eine zehnseitige Aufforderung und Bitte an alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte, mehr Barrieren abzubauen. Seitdem haben wir rund 300 Vorträge für Kommunen, Wirtschaft und Landtagsabgeordnete gehalten, sind im Austausch mit Ministerien und geben regelmäßig Stellungnahmen zu Gesetzen ab. Als uns gesagt wurde, diese Gruppe sei zu verschieden, um sie zu ordnen, haben wir genau damit angefangen, und daraus ist LIORA entstanden. Schirmherrin ist die Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer.
Heute arbeiten wir vor allem mit und für Kommunen, Länder, den Bund und die Wirtschaft, und nur selten direkt mit einzelnen Menschen. Dafür haben wir zahlreiche Leitfäden und Angebote entwickelt, die Verwaltungen, Schulen, Praxen und Betriebe selbst nutzen können, damit Barrieren dort abgebaut werden, wo sie entstehen. Wer persönliche Beratung sucht, findet sie kostenfrei und in ganz Deutschland bei der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB). Außerdem klären inzwischen zahlreiche Coaches erfolgreich über Neurodivergenzen und nicht sichtbare Behinderungen auf.
Wer ist gemeint?
Eine nicht sichtbare Behinderung ist keine bestimmte Diagnose, sondern eine dauerhafte Belastung im Alltag, die man von außen nicht erkennt und die deshalb oft übersehen oder angezweifelt wird. Häufig handelt es sich um neurofunktionale Beeinträchtigungen, für die das Sozialrecht bis heute keine eigene Kategorie kennt. Gemeint sind Menschen mit Neurodivergenzen, mit psychischen und chronischen Erkrankungen und mit Behinderungen. #wirsindviele
Besonders gefährdet sind außerdem Menschen mit Schicksals-, Diskriminierungs- und Fluchterfahrungen sowie Menschen in bestimmten Berufen, meist dort, wo hohe Verantwortung für andere Menschen dazukommt, etwa im Management, in Lehrberufen und in der Pflege.
Welche Barrieren?
Mobile Barrieren sind bekannt. Eine Treppe ist eindeutig, und jeder versteht sofort, dass man hier mit einem Rollstuhl nicht weiterkommt. Dazu kommen die vier Säulen der invisiblen Barrieren:
- sensorisch: Lärm, grelles Licht, Berührung, Gerüche
- chemisch: Duftstoffe, Reinigungsmittel, schlechte Luft
- kommunikativ: schwere, erwartete oder vorwurfsvolle Sprache, Formulare
- sozial: kein Rückzugsort, starre Abläufe, Stigma, Mimik, Organisatorisches
Was einzeln noch auszuhalten ist, wirkt in der Summe als Barriere. Gegen mobile Barrieren wird gebaut, mit Rampen und Aufzügen. Gegen invisible Barrieren hilft dagegen oft das Gegenteil, nämlich etwas wegzulassen.
Wie sich Barrieren summieren
Eine laute Kasse ist für sich genommen eine Kleinigkeit, doch wer vorher schon einen vollen Bus, ein Telefonat mit der Krankenkasse und ein Wartezimmer mit Radio hinter sich hat, erlebt sie ganz anders. Unser Modell KONVERA (Lefèvre 2026, wissenschaftlich noch zu prüfen) beschreibt, wie sich solche Belastungen über den Tag und über Jahre aufaddieren. Wir nennen diese Abfolge eine Kaskade, weil jede Belastung die nächste wahrscheinlicher macht. Das Modell zeigt aber auch, dass sich diese Entwicklung früh unterbrechen lässt, wenn einzelne Barrieren abgebaut werden.
Krise und Suizid
Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie sich um jemanden sorgen, finden Sie auf der Hilfeseite des Nationalen Suizidpräventionsprogramms unter suizidpraevention.de/hilfe Angebote für jedes Alter, auch zum Schreiben statt zum Telefonieren. Kinder und Jugendliche erreichen die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und die JugendNotmail, und im Notfall gilt die 112.
In diesem Abschnitt geht es um Suizid. Wenn Sie das jetzt nicht lesen möchten, können Sie den Abschnitt überspringen.
Krisen haben fast nie nur einen einzigen Grund. Wenn Belastungen über lange Zeit nicht abnehmen, kann am Ende einer solchen Kaskade aber eine Krise stehen, im schlimmsten Fall auch Gedanken an Suizid. Wir verstehen das nicht als Eigenschaft der betroffenen Menschen, sondern als Frage an die Bedingungen, unter denen sie leben, und deshalb ist der Abbau von Barrieren für uns auch ein Teil der Vorbeugung. Ebenso wichtig ist uns, dass eine Krise kein Endpunkt ist und dass Hilfe, die früh gesucht wird, sehr viel verändern kann.
Wie eine solche Kaskade bis zur Suizidalität verlaufen kann, beschreibt unser Kaskadenmodell. Was Suizidprävention für neurodivergente und neurologisch vielfältige Menschen bedeutet, erklärt die Broschüre der AG Neurodivergenz & neurologische Vielfalt im Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro).
LIORA: die Lücke im System
Für Barrieren, die man sieht, hat das Sozialrecht eine feste Antwort: ein Merkzeichen im Ausweis, ein Symbol im öffentlichen Raum und einen Nachteilsausgleich. Für invisible Barrieren wie Lärm, Licht, Gerüche oder unklare Abläufe gibt es diese Antwort bisher nicht, obwohl sie für sehr viele Menschen den Alltag bestimmen. LIORA (Lefèvre 2026) beschreibt diese Lücke und macht Vorschläge, wie sie sich schließen lässt.
Das Cor.System
druckbar, zeigbar, sagbar, schreibbar
Auf eine neue Regel muss niemand warten, denn das Cor.System funktioniert schon heute. Das Herz-Hirn-Zeichen sagt, dass hier Barrieren bestehen, die man nicht sieht, ohne dass jemand eine Diagnose nennen oder etwas nachweisen muss. Man kann es als Handzeichen zeigen, als Ausweis ausdrucken und als Wort „Cor.“ sagen oder schreiben. Das Cor.System ist frei nutzbar und steht im Finale des Hessischen Staatspreises Universelles Design 2026.
Erklärvideo ansehen: Cor.System, ein Zeichen für nicht sichtbare Behinderungen20. Oktober: Zeig Herz. Sag Cor.
Am 20. Oktober ist der Tag der nicht sichtbaren Behinderungen, und unser Motto dafür lautet „Zeig Herz. Sag Cor.“. An diesem Tag soll es an möglichst vielen Orten leiser werden statt lauter, weshalb wir ihn „Die lauteste Stille des Jahres“ nennen. Jeder Laden, jede Praxis, jede Schule und jedes Amt kann mitmachen, zum Beispiel mit einer Stillen Stunde.
LIORA · Podcast
Im Podcast „Das ist LIORA“ spricht Rebecca Lefèvre mit Britta Wilkens vom Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland (ABiD) darüber, was im Recht fehlt und was trotzdem schon heute möglich ist. Jede Folge widmet sich einem Thema, und Sie finden den Podcast auf allen gängigen Plattformen.
Zum Mitnehmen
Den Ausweis können Sie sich jederzeit selbst ausdrucken oder in Canva anpassen. Er ist kein amtliches Dokument und braucht keinen Antrag, aber er macht sichtbar, was man sonst jedes Mal erklären müsste. Außerdem finden Sie das Herz-Hirn-Zeichen, Infoblätter und Flyer zum Herunterladen.
Unsere Leitfäden erarbeiten wir gerade umfassend neu. Die bisherigen Fassungen finden Sie weiterhin unter Presse.
Wohlfühlmoment: unser eigener Song
Unser Lied ist für Verständnis und für die Momente, in denen man sich fragt: Wieso? Es ist ein Lied für alle, die viel zu oft nicht gesehen werden, und ein wunderbares Geschenk der Band Pils & Kippe.
Lied anhören: Menschenlesen, für alle, die nicht gesehen werdenSo können Sie helfen
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